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18. Einführung in die Prophetie: Amt und Botschaft der Propheten (1-2Sam; 1-2Kön; Prophetenbücher)

 

Bibelleseplan: Jes 1–39 in Auszügen; Mi 1–7; Prophetentexte

 

Das Buch Jesaja stellt eine Sammlung von prophetischer Literatur aus unterschiedlichen Zeiten dar, worauf stilistische und zeitgeschichtliche Merkmale hin­­weisen. In Jes 1–39 haben wir es vornehmlich mit dem Propheten Jesaja zu tun, der zwischen 736 und 701 v. Chr. in Jerusalem wirkte. Er stammte aus vornehmem Geschlecht und pranger­te das hohl gewordene religiöse Leben, soziale Missstände im Gottesvolk wie auch die Got­tes Willen missachtende Politik judäischer Könige an (innerhalb von Jes 1–39 heben sich als junger Teil des Jesajabuchs die Kap. 24–27 heraus, eine Schilderung des Welt­endes). – In Jes 40–55 begegnet uns ein namentlich nicht bekannter Prophet aus der Exilszeit, den man wegen seiner im Zusammenhang des Jesajabuchs überlieferten Worte „Deuterojesaja“ (= „zweiter Jesaja“) nennt. – Die Kapitel Jes 56–66 stammen aus je­ner Zeit, als die nach Babylon verbannten Angehörigen des Gottesvolkes in ihr Heimat­land zurückkehren durften (ab 538 v. Chr.). In der Forschung ist man sich nicht sicher, ob hier einer oder mehrere Propheten zu Wort kommen. Als dritte große Einheit des Jesajabuchs nennt man Jes 56–66 „Tritojesaja“ (= „dritter Jesaja“).

 

l Lesen Sie Jes 1–39 auszugsweise: Lesen Sie Kap. 1–12: Worte an das Gottesvolk und Berichte über Jesajas Berufung und Wirken. – Neh­men Sie von Kap. 13–32 (zumeist Worte an andere Völker) nur die Überschriften zur Kenntnis. Lesen Sie Kap. 24–27 (Jesaja-Apokalypse [s.o.]), wenn Sie mögen. – Lesen Sie Kap. 28–32: Gerichtsworte gegen das Süd- und Nordreich. – Übergehen Sie Kap.  33–35 (Völkersprüche und anderes) und Kap. 36–39: Die­se Kapitel sind mit 2Kön 18–20 nahezu identisch. Sie werden sie im Zu­sam­men­hang von 2Kön 18–25 später lesen.

 

l Lesen Sie Mi 1–7. – Der Prophet Micha war Zeitgenosse Jesajas und wirkte im Südreich Juda zwischen 750 und 690 v. Chr. Er zählte zu den „klei­­nen Leuten“, deren Bedrückung durch Einflussreiche und Begüterte er ebenso an­prangerte wie den nur noch äußerlich voll­zogenen „Gottesdienst“, ohne dass man Gott wirklich diente.

 

l Im Folgenden finden Sie eine Zusammenstellung von (Ihnen teilweise schon bekannten) Texten, die Wesentliches über das Wirken und Ergehen der Propheten aussagen. Schlagen Sie in der Bibel nach, was Sie besonders interessiert:

 

Anfänge von Prophetie in Is­rael: 1Sam 9,3–12; 10,5–13.

Berufungsberichte der Propheten: 1Sam 3; 19,19–21; Jes 6; 40,6–8; Jer 1,4–19; Am 7,14–15.

Gott teilt den Propheten seinen Willen mit: Jes 9,5–6; 40,1–2; Jer 3,11–14;
31,31–34; 42,1–7; Hes 1,28b–3,11; Am 7,7–8.

Das prophetische Wort ist das Wort Gottes: Jes 9,7–11; 55,10–11; Jer 23,29.

Zeichenhandlungen bilden Gottes Han­deln vorab: 1Kön 11,29–32; Jes 20,1–6; Jer 19,1–13; 27,1–8 und 28,1–16; 32,1–15; Hos 1,1–9.

Wahre und falsche Propheten: 5Mose 18,9–22; 1Kön 22; Jer 23,9–40; Mi 3,5–12.

Das prophetische Wort wird vom Gottesvolk nicht angenommen: 2Kön 17,13–14; Jes 30,8–11; Jer 6,10; 7,25–28; Hes 2,3–5; Am 2,11–12; 7,12–13; Mi 2,6.

Die Propheten haben unter ihrem Amt zu leiden: 1Kön 19,1–4; 22,24–28;
Jes 50,4–9; Jer 15,10.15–21; 20,1–2.7–18; 26,7–19.20–24; 37,11–16; 38,1–13.

Prophetenworte werden schriftlich fest­gehalten: Jes 8,16–18; 30,8–9; Jer 36.

 

 

Vorbemerkung: In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit dem Amt der Propheten, in Kapitel 19 mit ih­rer Gerichts­bot­schaft und nach ei­ner Dar­­stel­lung der Geschich­te des Südreichs bis zu seinem Untergang (Ka­pitel 20) mit der Heils­­bot­­schaft der Propheten (Kapitel 21).

 

 

18.1  Die Zeit der Propheten

 

Mit dem Königtum kam in Israel die Pro­phetie auf (s. Kapitel 15.5 S. 78), mit sei­nem Ende klang sie wieder ab (s. die Übersicht „Könige und Propheten in Israel“ S. 88). Über 500 Jahre lang hat Gott zu sei­nem Volk besonders durch Propheten gesprochen, ob­wohl Israel/Ju­da nicht auf ihre Worte hörte (z.B. 2Kön 17,13–14). So sind die Prophe­ten ein sprechendes Zeichen für Gottes „Güte, Geduld und Langmut“, mit der er die Menschen „zur Buße (= Umkehr zu Gott) leiten“ will (vgl. Röm 2,4), hat er doch kein Interesse am „Tode des Gottlosen“, sondern an seiner Umkehr zu einem Leben mit Gott (Hes 18,23).

 

Nach dem inhaltlichen Schwerpunkt ihrer Botschaft unterscheidet man zwi­­­schen Gerichts- und Heilspropheten. Doch konnten Gerichtspropheten auch Heil ankündigen. Wegen des unterschiedlichen Umfangs ihrer Bücher spricht man von Großen (Jes; Jer; Hes) und Kleinen Propheten (z.B. Hos; Am).

 

 

18.2 Prophetengruppen und Einzelgestalten

 

Die Prophetie ist ein vielschichtiges Phänomen. 1Sam 9,9–10 nennt den „Mann Gottes“ Samuel einen „Seher“ und identifiziert diese Bezeichnung zu­gleich mit „Prophet“ (s. auch 1Kön 17,24; 2Kön 5,15–16). Auch außerhalb Israels gab es Pro­pheten: Der am Euphrat lebende Bileam wird als ein Se­her geschildert (4Mose 22,5; 24,3-4.12-19). 1Kön 18 be­richtet von ekstatischen Ba­als­­pro­phe­ten. In der Anfangs­zeit traten auch in Israel Prophetenscharen auf, die unter dem Einfluss von rhythmischer Musik in Ekstase gerieten (= „Verzückung“: 1Sam 10,5), was als Wirkung des „Geistes Got­­tes“ verstanden wurde (10,10–11).

 

Am Tempel wirkten Kultpropheten (Jes 28,7; Jer 26,7–8), über deren Tätigkeit wir wenig wissen. Vermutlich erteilten sie Gottesbescheide an die Besucher des Tempels (vgl. Ps 118,21: dieser Vers setzt voraus, dass jemand dem Beter die Erhörung seiner Bitte zusagte; ähnlich Ps 130,7–8 nach dem Gebet von V. 1–6). Auch bei ihnen spielte die Ekstase eine Rolle (Jer 29,26; Hos 9,7). Im Dienst der Könige standen Hofpropheten. Nathan und Gad waren vom Herrn (2Sam 7; 12 [s. Kapitel 16.8 S. 83]), nicht aber von ihrem Herrn (dem König) abhängig.

 

Anders hielt es die große Prophetenschar im Dienste von König Ahab. Sie redeten ihrem König nach dem Mund und ermunterten ihn im Namen Gottes zum Krieg ge­gen die Aramäer (1Kön 22,6.12). Nur der eigenständige Prophet Micha ben Jimla (22,8) sagte Ahab sein Ende voraus. Er deutete die Heilsbotschaft der 400 Hofpro­pheten als Wir­kung eines von Gott gesandten „Lü­gen­geistes“ (22,20–23). Der Fort­­gang des Geschehens bestätigte Michas Prophetie: Ahab fiel im Kampf, seine Truppen zogen sich zurück (22,34–40).

 

Die Auseinandersetzung zwischen Heil verheißenden Kult- und Hofpro­phe­­ten und prophetischen Einzelge­­stalten, die König oder Volk die Wahr­­heit sagten und Gottes Gericht ankündigten, durchzieht die Geschichte der Prophetie (z.B. Jer 26,7–9; Mi 3,5–8; s.u.). Immer gab es jedoch Propheten, die ihre Stimme kritisch gegen König und Volk erhoben: Nathan, Gad, Ahia von Silo, Elia, Elisa, Micha ben Jimla (1–2Kön) und „Schriftpropheten“ (s.u.) wie Jesaja, Jeremia, Micha und Amos.

 

Solche prophetischen Einzelgestalten waren nicht allesamt „Einzelkämpfer“. Eli­sa war das Haupt einer Prophetengenossenschaft (2Kön 6,1–2), die ihren Lebensunter­­halt von Geld- und Sachspenden be­stritt (4,42; 5,15). Die Zugehörigkeit zu die­­ser Gruppe wurde durch das Tragen ei­nes Prophetenmantels zum Ausdruck gebracht, wie ein solches Gewand überhaupt einen Propheten kennzeichnen konnte (1Kön 19,19; 2Kön 1,8: statt „langes Haar“ kann man auch „härenes Gewand“ = Fellmantel übersetzen [s. dazu Mt 3,4]; Sach 13,4). Das ekstatische Element tritt in den Schilderungen dieser Prophetengenossenschaft zurück (doch s. 2Kön 9,11).

 

 

18.3 Prophetenerzählungen und Prophetenbücher

 

Anfangs überwiegen die Erzählungen von Propheten, in denen uns manche ihrer Wor­te begegnen (z.B. von Elia: 1Kön 17, 14; 18,21; 21,19). Später wer­den die Worte der Pro­pheten ge­sam­melt und über­lie­fert (Spruch­reihen: z.B. Jes 5,8–24; Spruch­­samm­lungen: z.B. Jes 13–23).

 

Der Name „Schriftpropheten“ für die Propheten der Prophetenbücher des AT ist miss­verständlich: Die Propheten waren keine Schriftsteller, son­dern münd­liche Botschafter Go­­t­tes. Nur ge­legentlich hielten sie selber oder an­de­re gewisse Wor­te in einer bestimmten Situation schriftlich fest (Jes 8,16: „Jünger“ meint hier „Anhän­ger“; 30,8; Jer 36; Hab 2,2–3). Die Prophe­tenbücher sind Samm­­lungen von Prophetenworten, die zum Erweis ihrer Wahr­heit auf­­ge­schrie­­ben und später auch redaktionell bear­beitet wurden. Sämtliche Prophetenworte sind einmal in eine ganz konkrete Situation hineingesprochen wor­den (z.B. Jer 25,1; Am 1,1)

 

Weil die äuße­ren Umstände und die genaue Situ­a­tion häufig nicht überliefert wurden, ist es nicht immer einfach, die Prophetenbücher zu lesen und auszulegen. Sammler oder Schreiber der Propheten­worte waren die Anhängerschaft eines Propheten oder etwa Jeremias Schreiber Baruch (Jer 36; durch Baruch sind wir über Jeremi­as Ergehen und die zeitliche Ein­ord­nung seiner Worte ziemlich genau infor­miert).

 03 Kap 18 3 Fruehe Propheten Schriftpropheten

 

18.4  Gott beruft Menschen zum Prophetenamt

 

„Prophet“ kommt vom hebräischen „na­bi“ und bedeutet „Rufer“ und/oder  „Berufener“. Durch diese „zum Rufen berufenen“ Menschen wollte Gott zu seinem Volk sprechen (Jer 7,25–26; Am 2,11–12). Das Propheten­amt war kein erb­liches Amt wie das des Priesters.

 

Zum Propheten wurde ein Mensch von Gott berufen (gelegentlich durch einen an­deren Propheten [1Kön 19,16.19–21], zu­meist durch ein besonderes Geschehen [1Sam 3; Jes 6; 40,6–8; Jer 1; Hes 1,1 bis 3,15; Am 7,14–15]). Berufungserlebnis und Offen­barungsempfang (= Übermittlung des Gotteswortes) entziehen sich näherer Deutung, da es sich um ein Geschehen zwischen einem Men­schen und Gott handelt. Der Prophet wurde bei seiner Berufung von Gott über­wältigt, er musste Gottes Wort aus­­rich­ten (Jes 8,11; Jer 1,6–7; Am 3,8). Das Amt lastete auf manchen Propheten schwer (z.B. 1Kön 19,4; Jer 15,15–19; 20,7–18), weil Gott ihr Leben ganz in Anspruch nahm (z.B. Hos 1,1–9; Hes 4).

 

Der „Geist“ oder die „Hand Gottes“ über­wältigten den Propheten („Hand Gottes“: 1Kön 18,46; 2Kön 3,15–16). Wie bei den Richtern (z.B. Ri 3,10) ist anfänglich häufig vom in den Propheten wirkenden Geist Gottes die Rede (1Sam 10,6.10; 19,20–24; 2Kön 2,15–16; 5,26), auffälligerweise aber nicht bei den Schriftpropheten. Sie wollten sich vermutlich von den ekstatischen Äu­ße­rungen eines ihnen ohnehin sus­pekt er­scheinenden Prophetentums distanzie­ren. Erst der im babylonischen Exil zum Pro­pheten berufene Hesekiel (Hes 1,1) sprach nach dem mit der Zerstörung Jerusalems einhergehenden Ende der Tempelpropheten wieder unbefangen vom Wir­ken des Gottesgeistes in seinem persönlichen Erleben (Hes 3,12.14; 8,3; 11,5).

 

 

18.5  Gott offenbart den Propheten sein zukünftiges Handeln

 

a)  Der Offenbarungsempfang

 

1Sam 9,9 entsprechend gehört das „Se­hen“, die Vision (Schau) zum prophetischen Offenbarungsempfang:

 

Jes 6: Thronvision Gottes anlässlich der Berufung Jesajas; Am 7–9: Unterschiedliche Visionen weisen Amos auf das künftige Gericht Gottes hin; Jer 4,23–26: Jere­mia schaut das verwüstete = gerichtete Land; Hes 1,1–3: „Gesichte“ offenbaren „Got­tes Wort“; Sach 1–6: Sacharjas Visio­nen. Während einer Vision befindet sich der Prophet nicht in Trance, sondern er ist hellwach und spricht mit Gott.

 

Zur Vision tritt die Audition, das Hören von Gottes Stimme (z.B. Jer 1,4; 2,1). Mit seinem Wort deutet Gott auch die Visionen der Propheten: „Was siehst du?“ Prophet: „Ich sehe ...“ Gott: „Ich wer­de ...“ (z.B. Am 7,8). Gottes Wort wird vom Propheten – seinem Boten – mit einer „Bo­ten­for­mel“ über­mittelt: „So spricht der Herr: ...“ Gott ist der Herr seines Wortes. Der Prophet kann Gott zwar um ein Wort bitten (z.B. Hab 2,1), es aber nicht selbst herbeiführen:

 

Als die Judäer nach der Er­mor­dung des baby­lonischen Statthalters Ge­dalja nicht wuss­ten, wohin sie vor den Ba­byloniern fliehen sollten, wur­de Je­remia um ei­nen Got­tesbescheid gebe­ten (Jer 42,1–6). Doch erst nach 10 (!) Tagen des Wartens emp­fing er ein Wort Gottes, das diese Fra­ge des Volkes be­antwortete (42,7.8–16).

 

 

b)  Gottes Wort im Menschenmund

 

Das Prophetenwort ist ein klar verständliches Wort. Es muss nicht gedeutet werden wie etwa die Träu­me der „Lügenpropheten“ (Jer 23,25–28).

 

Die Propheten versuchten, sich auf jede erdenkliche Weise Gehör zu verschaffen. Als Meister der Sprachkunst sagten sie ihre Botschaft in poetischer Form aus, da­mit sie den Angeredeten im Gedächtnis haf­­ten blieb. Dem diente das uns nicht ge­läu­fige poetische Stilmittel des „Parallelis­­­mus der Glieder“, zumeist der Doppelung einer Aussage: „Ein Ochse kennt sei­nen Herrn – und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht – und mein Volk versteht’s nicht“ (Jes 1,3; s. auch Hes 7,8; Am 3,4–8). Gleichnisse (2Sam 12,1–9), Lie­der (Jes 5,1–7), über Lebende ausgerufe­ne Totenklagen (Jes 5,8–24; Am 5,1–3; Zef 3,1–3), (drastische) Vergleiche und Bilder (Jes 30,13–14; Jer 13,23–24; Hos 2,4–22; 5,14) wie auch Fragen (Jes 10,3; Hes 18,23; Am 9,7; Mal 1,6.8) sollten die An­gesprochenen dazu bewegen, sich mit der Botschaft der Propheten selbst­kritisch auseinander zu setzen.

 

GottesbrilleDas Prophetenwort ist von der zeitgeschichtlichen Situation Isra­els, Judas und seiner Umwelt nicht abzulösen. Die Propheten deuteten Ereignisse, die das Gottesvolk oder andere Völker betrafen, von Gottes Offenbarung her. Gottes Offen­ba­rung seines Gerichts schärfte den Blick der Propheten für Israels wahre Si­tu­ation. Darum begründeten sie die Gerichtsansagen mit dem Fehl­verhalten von Königen (1Kön 21,19; Jer 22) und vom Volk (Jer 7,8–15; Hes 5,5–11; Mi 2,1–4; Zef 1,4–6; Mal 3,5).

 

Das Wort, das der Prophet im Auftrag Gottes spricht (z.B. Jer 15,19), ist nicht „Schall und Rauch“, sondern ein Geschehen. Als Gottes wirkungsmächtiges Wort (z.B. 1Mose 1,3; Jer 23,29) „wird [es] nicht wieder leer zu mir [Gott] zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wo­­zu ich es sende“ (Jes 55,10–11).

 

Die Zeichenhandlungen der Propheten sind mehr als bloße Veranschaulichun­­gen der prophetischen Verkündigung; in ihnen vollzieht sich bereits das künftige Handeln Gottes, auf das sie ein­drücklich hinweisen wollen:

 

Ahia von Silo zerriss seinen Mantel in 12 Stücke und gab Jerobeam 10 davon zum Zeichen dessen, dass er König über die 10 Nordstämme werden würde (1Kön 11,30–31). Die Namen der Kinder Hoseas bezeugten das kommende Gericht (Hos 1,4–9; s. auch Jes 8,1–4). Jesaja musste drei Jahre wie ein seiner Kleidung fast vollständig beraubter Kriegsgefangener in Jerusalem herumgehen, um seinem Volk das künftige Geschick der Ägypter und Kuschiten vor Au­gen zu führen, auf deren Hilfe gegen die Assyrer die Bevölkerung Judas hoff­te. Die Zeichenhandlung Jesajas stellte Ägyptern, Kuschiten und auch dem Got­­tesvolk die Kriegsgefangenschaft in Aussicht (Jes 20, bes. V. 6). Vor den Ältesten des Volkes zerschmetterte Jeremia einen Tontopf und deutete diese Zeichenhandlung mit den Worten: „So spricht der Herr Zebaoth: Wie man eines Töpfers Gefäß zerbricht, dass es nicht wieder ganz werden kann, so will ich dieses Volk und diese Stadt zerbrechen“ (Jer 19,11).

 

 

18.6  Der Prophet: ein Mensch zwischen Gott und seinem Volk

 

Wenn Gott den Propheten sein Handeln offenbarte, dann waren sie davon zutiefst betroffen, weil sie mit ihrem Volk solidarisch waren (Jer 4,19–22). So er­leben wir Propheten besonders beim Offenbarungsempfang als Fürbeter, die Gott um die Rücknahme des beschlos­senen Unheils bitten (Am 7,1–6; 1Sam 12,23; vgl. 2Mose 32,10–14 [s. dazu 5Mo­­se 34,10]). Mitunter verwehrte Gott den Propheten jedoch die Fürbitte: „Du sollst für dies Volk nicht bitten und sollst für sie weder Klage noch Ge­bet vorbringen, sie auch nicht vertreten vor mir; denn ich will dich nicht hören“ (Jer 7,16; 11,14; 14,11; 15,1). Der Prophet stand zwischen Gott und sei­nem Volk. Da die Israeliten sich Got­tes Stimme verschlossen, hatte der Prophet für das Wort Gottes zu leiden:


02 Kap 18 2

 

Propheten wurden wegen ihrer Botschaft an­gefeindet (Hos 9,7–8; Mi 2,6; Jes 5,18–19; Jer 36), einge­kerkert (22,27), des Landes ver­­wiesen (Am 7,12–13) oder auch umgebracht (1Kön 18,4; vgl. 19,2–4). Der vorneh­me Jesaja wird nicht mit Freu­den drei Jah­re lang fast völlig nackt in Je­ru­­salem herumgelaufen sein (Jes 20; s.o.). Der Pro­phet Jeremia ist ein besonderes Beispiel für den um des Wortes Gottes willen lei­denden, doch zugleich auch durch die­ses Wort gestärkten (Jer 15,16) Propheten. Die Treue zu seinem Auftrag brachte ihm den Hass seiner Landsleute ein: „Weh mir, mei­­­ne Mutter, dass du mich geboren hast, ge­gen den jedermann hadert und strei­tet im ganzen Lande! Hab ich doch we­­der auf Wucherzinsen ausgeliehen, noch hat man mir geliehen, und doch flucht mir je­der­mann“ (Jer 15,10; s. auch 18,18; 20,10). Im­mer wieder trachteten seine Lands­­leute da­­nach, Jeremia zu tö­ten (11,21 in 11,18 bis 12,6: „Weissage nicht im Namen des Herrn, wenn du nicht von unserer Hand sterben willst!“; s. auch 26,11; 36,19.26; 38,9). In sei­ner Isolation wurde Jeremia von star­ken An­fechtungen heimgesucht (20,7–18), muss­­te sein Prophetenamt aber behalten (15,10–21). Als Gottes Gericht ein­traf, wollte es dem Propheten schier das Herz brechen (8,18–23). Gegen seinen Willen wur­de er schließlich von fliehenden Judäern nach Ägyp­ten mitgeschleppt (42,7–22; 43,1–7). Dort starb Jeremia nach wei­­­terer Wirk­samkeit (Kap. 44). 

 


18.7  Wahre und falsche Prophetie

  

Weil man ihrer Botschaft nicht glaubte (z.B. 2Kön 17,13–14), hatten die Propheten zu leiden. Heil verheißende Propheten am Tempel oder bei Hofe konnten sich nicht vorstellen, dass Gott das von ihm erwählte Volk richten würde. Darum widersprachen sie den Unheilsankündigungen der Gerichtspropheten. Gibt es Kriterien für wahre und falsche Prophetie? Das AT versucht Antworten:

 

n 1Kön 22,22–23: Aus dem Mund der falschen Propheten sprach ein von Gott selber gesandter „Lügengeist“. – Wenn Je­saja mit einer wahren Botschaft die Men­schen „verstocken“ sollte (Jes 6,9–10), dann äußerte sich darin Gottes Gericht an ei­nem unbußfertigen Volk, das nicht mehr sehen und hören konnte, weil es nicht sehen und hören wollte. Gott hat einen „Geist tiefen Schlafs“ auch über die Tempelpropheten „ausgegossen“ (29,10–11).

 

n 5Mose 18,21–22 und Jer 28,8–9: Das Wort eines von Gott gesandten Propheten trifft ein. Dieses Kri­terium hilft in der Ge­genwart wenig, erweist doch erst die Zukunft die Wahrheit des Prophetenworts.

 

n Inhaltliche Kriterien: Der falsche Prophet verführt zur Abkehr von Gott (5Mose 13,2–4; Jer 23,13). – Der von Gott gesandte Prophet achtet Gottes Ge­bote (Jer 23,14; 29,21–23). Doch was ist, wenn der falsche Pro­phet untadelig lebt? – Jer 23,14.22: Wer den Sünder in seinem unheilvollen Tun bestärkt, han­delt nicht im Auftrag Got­­tes. Der wahre Prophet ruft das Volk zur Buße (s. auch Mi 2,11).

 

n Mitunter war es für die Menschen aus­gesprochen schwer, persönlich zum Prophetenwort Stellung zu beziehen: Während Je­­remia verkündete, dass die Judäer sich nach Gottes Willen dem Joch des Kö­­nigs von Babel beu­gen sollten (Jer 27), prophezeite der Heilsprophet Hananja im Na­­men Gottes die Befrei­ung Judas vom ba­­bylonischen Joch. Prophetenwort stand hier ge­gen Prophetenwort. Jeremia zog sich zurück. Erst später empfing er ein neu­es Gotteswort, das seine Botschaft be­stätigte (Jer 28). Gottes Wort ist im Men­schenmund nie eindeutig. Eindeutig ist es allein in Gottes Mund.

 

n Legitimiert wird ein Prophet allein dadurch, dass Gott ihn berufen und gesandt hat (Jes 6,8; Jer 1,1; Hes 2,3a). Die schärfste Zurückweisung der Verkündigung eines Propheten erfolgte mit den Worten: „Der Herr hat dich nicht gesandt“ (Jer 28,15). Die vom Volk abgelehnten Propheten erzählten ihre Berufungserlebnisse teilweise ausführlich, um ihren Zeitgenossen zu ver­sichern, dass Gott sie wirklich berufen hat, und dass es darum für das Gottesvolk verhängnisvoll wäre, ihre Botschaft nicht ernst zu nehmen (Jes 1,19–20; Jer 7,1–15; 22,29; Mi 2,4–11). 

 

 

18.8 Die Botschaft der Propheten

 

 a)  Die Unheilsankündigungen

 

Die vor dem Exil auftretenden Propheten hatten dem Volk vornehmlich Gottes Gericht anzukündigen, das sie mit Israels Fehlverhalten begründeten (s.o.). Ihre Gerichtsbotschaft soll im nächsten Kapitel genauer dargestellt werden.

 

b) Der Ruf zur Umkehr

 

Gott hatte einst das Volk Israel erwählt. Er befreite es aus der Sklaverei in Ägypten, erhielt es in der Wüstenzeit am Leben und erlöste es aus vielen Bedrängnissen auch nach der Inbesitznahme des verheißenen Landes. Doch hatte Israel nach der Einsicht der Propheten Gottes Treue mit Untreue (Götzendienst, Ungehorsam, so­zi­a­len Missständen, falscher Glaubens­sicherheit) beantwortet. Die Pro­pheten wiesen immer wieder auf Israels Geschichte und Bestimmung hin und hielten sie ihren Volksgenossen in der Hoffnung vor, dass sie doch noch zu ihrem Gott zurückkehren möchten (z.B. Jer 4,1–4; Am 5,4).

 

c)  Die Heilsankündigungen

 

Hatten die Propheten ihren Zeitgenossen auch Gottes Gericht anzusagen, so schauten sie doch über das Ge­richt hinaus, wie es ihre Heilsankün­­di­gun­gen bezeugen (s. Kapitel 21 S. 119ff.). Hier nur wesentliche Aussagen:

 

Das Verhältnis Israels zu seinem Gott soll ganz neu werden (neuer Bund). Gott wird seine auch die Völker einbeziehende Herr­­schaft mit einem ihm ganz ergebenen Herr­scher auf Davids Thron aufrichten.

 

Wie unterschiedlich die Heils­ver­hei­ßun­gen bei den einzelnen Propheten auch aus­­­fielen, so ist ihnen doch eine Über­zeugung gemeinsam: Gottes richtendes Han­­deln an Israel/Juda bedeutete nicht das Ende der Geschichte Gottes mit seinem erwählten Volk. Letztlich will Gott Is­raels und der Menschheit Heil, d.h. Israels und der Menschheit Rückkehr in seine heil­volle Gemeinschaft. Gott selber wird in der Heilszeit – einer ganz neuen Zeit – die Hinwendung zu ihm ermöglichen, indem er den Menschen ein neues Herz schenkt, so dass sie in Frieden mit Gott, mit sich selber und mit den anderen Menschen in Gottes neuer Welt leben können.


 

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